Lehrgrabung Altenerding

Altenerding – Ein Erfahrungsbericht von Heinz Drobe, Mitglied der Gesellschaft für Archäologie in Bayern e.V.

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Während die Mehrzahl der Deutschen sich auf einen Urlaub in den Bergen oder am Meer mit köstlichem Schlemmen all-inclusive freut, haben sich andere für die heißesten Tage des Jahres für eine archäologische Lehrgrabung und das Schlämmen des Aushubs aus Gräben, Gruben und ehemaligen Grubenhäusern entschieden.

Hier gibt es Kreuz- und Querschnitte, statt Schnittchen. Hände und Spaten gleiten durch leicht schluffige gelblichweiße Almschichtungen, statt durch den feinen Sandstrand am Meer. Statt Liegestühle mit Handtüchern zu reservieren, geht es hier um Eimer, Kellen und den persönlichen Lieblingsspaten. Es lockt nicht der kilometerlange Sandstrand, sondern das etwa 400 qm große Planum mit seinen weit über 100 Befunden, das darauf wartet, großenteils metertief bis zum anstehenden Sediment durchgearbeitet zu werden. Statt fröhlich lärmender Kinderstimmen sind von Zeit zu Zeit stolze Rufe der Art „Fund ! Metallisch – könnte ein Reitersporn sein !“ zu hören. Besonders auffällig ist dabei vor allem die gute Laune der bei jedem Wetter eifrig Grabenden.

Ganz offensichtlich hat sich hier eine Gruppe gefunden, die trotz einiger nahezu fundfreier Gräben nur geringste Frustrationsneigung zeigt und täglich neu und immer wieder hochmotiviert ans Werk geht - freiwillig und willig, vom geduldigen Grabungsleiter mit allen Informationen reichlich versorgt - und glücklich. Die Gruppe besteht aus den Teilnehmern einer vierwöchigen Forschungs- und Lehrgrabung des Instituts für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie und der Provinzialrömischen Archäologie der LMU München, der Gesellschaft für Archäologie in Bayern, sowie Mitgliedern des Archäologischen Arbeitskreises und des Archäologischen Vereins Erding, also einzelnen Studenten und vielen interessierten Laien.

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Vielleicht fühlt sich der eine oder andere hier ein wenig als Schatzgräber. Beim Sieben und Graben lauscht jedenfalls ein jeder gerne den teilweise heroischen, teilweise nüchtern-informativen Erzählungen von früheren Grabungen. Viele haben die archäologische Feldarbeit in der Praxis bereits gut kennengelernt und geben Ihre Fähigkeiten und Kenntnisse gerne weiter. Einige der Laiengräber verfügen darüber hinaus über ungewöhnliches interdisziplinäres Spezialwissen.

Ein pensionierter Vermessungsingenieur kann zu allen technischen Hilfsmitteln der Einmessung von Funden seine professionelle Einschätzung geben. Eine Studentin bringt Ihre guten Kenntnisse aus dem früheren Biologiestudium ein, um den Fund des einen Kiefers umgehend als menschlich einzustufen, während sie andere Knochenfunde zügig einer Spezies und seiner speziellen Lage im Körper zuordnet. Bei einem Physiker klingelt zwischendurch das Handy, über das er während dieses Urlaubs sein Maschinenbauunternehmen leitet - ohne dabei das kleine Stück Terra Sigillata in seinem Grabungsbereich zu übersehen, das er während des Telefonates gerade freigelegt hat. Erstaunt erfährt man im Gespräch beiläufig, dass da unten im Grubenhaus ein ehemaliger Amtsrichter fachmännisch einen Holzkohle-Fund sichert.

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Die Ausgrabungen dieses vielfältigen Teams und die geplante Doktorarbeit des Grabungsleiters Marc Miltz gehören zu dem Projekt "Erding im ersten Jahrtausend", mit dem die Stadt Erding, die LMU München und weitere Partner die Frühgeschichte und die Entstehung Erdings erforschen.

In einer Urkunde aus den Jahren um 800 wurde von einem Gerichtstag Karls des Großen in einem Königshof mit dem Namen "Ardeoingas“ berichtet, dem späteren Altenerding im Landkreis Erding, Oberbayern. Erst 2010 brachten archäologische Untersuchungen vermutliche Überbleibsel dieses bisher nicht genauer verorteten Königshofes zutage, unter anderem die Reste einer mit einer Länge von 25 Metern recht repräsentativen Halle. Die jetzigen Ausgrabungen befassen sich mit der Befestigung und dem direkten Umfeld der Anlage.

Im Erdreich sind nach dem Abtrag des Oberbodens auch für Laien anhand dunkler Verfärbungen zwei parallele, abknickende Gräben erkennbar. Dazwischen befindet sich ein vier bis fünf Meter breiter Bereich, vielleicht stand dort einmal ein Wall. Aber auch Grubenhäuser, Holzpalisaden und kleinere Abwassergräben gilt es, an Hand ihrer gegenseitigen, eingreifenden Überlagerung, in einen chronologischen Zusammenhang zu bringen.

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Optisch geradezu künstlerisch geben die Gräben an Hand der unterschiedlichen Verfärbung Ihrer Füllschichten ihre unterschiedlichen Bauphasen und Verfüllungen preis. Wo zunächst ein Wall gewesen war, finden sich eingreifend nun Überreste eines Grubenhauses, in dem auf Grund der Fundlage offensichtlich Textilhandwerker tätig waren, nachdem die ehemals schützende Doppelgraben/Wall-Struktur eingeebnet worden war. Freigelegt wird auch eine Hausmüllgrube mit zahlreichen Einzelfunden, die den wirtschaftlichen, produzierenden Charakter frühmittelalterlicher Königshöfe widerspiegeln, wie der Grabungsleiter erklärt.

Stets werden unter Anleitung Übersichts- und Detailaufnahmen angefertigt, die zeichnerische Dokumentation der Profile erweist sich durchaus als zeitintensiv. Die Grabungszeit wird knapp, denn die Gräben, bei denen ursprünglich aus anderen Befunden von einer nur geringen Tiefe auszugehen war, reichen tief ins Erdreich hinein. Der Archäologische Verein Erding mobilisiert schnell einen hilfreichen Trupp seiner Mitglieder, der dafür sorgt, dass diese Lehr-Grabung im Wesentlichen auch mit einem Leer-Graben der Gräben enden kann. Durchaus zufriedenstellend kommt das Engagement der vielen Ehrenamtlichen damit zu einem guten Ende, das nicht nur in der lokalen oder regionalen Presse gleich mehrfach in längeren Reportagen Erwähnung findet.

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Es wird von der Grabungsgruppe als eine erfreuliche Würdigung verstanden, wie sehr auch Nachbarschaft und Bevölkerung der Umgegend regen Anteil an der Grabung nehmen und neben dem betreuenden Münchener Institutsleiter, dem Team des Museums Erding, dem Erdinger Oberbürgermeister und Pressevertretern insgesamt einige hundert Besucher Ihr Interesse am Fortgang der Arbeiten zeigen.

Nur wenige Fakultäten der Universitäten und Hochschulen können ebenfalls mit einer derartig gelungenen Einbeziehung von Ehrenamtlichen in die Forschungsarbeit aufwarten. Die Initiative, für Mitglieder der Gesellschaft für Archäologie in Bayern Lehrgrabungen anzubieten, ist ein Gewinn für alle Beteiligten.

Heinz Drobe, Oktober 2017